Elisabeth war schon genervt, bevor der Umzugswagen überhaupt um die Ecke war. Nicht dieses „ach schade, der Mieter ist weg"-genervt, sondern dieses „jetzt sehe ich zum ersten Mal seit Jahren den echten Zustand"-genervt. Der Flur roch nach kaltem Staub und Abschied, und in der Küche stand noch diese tapfere Einbauküche, die so tat, als wäre sie zeitlos, dabei war sie eigentlich nur… beleidigt.
„So", sagt Elisabeth und starrt auf die Arbeitsplatte. „Der ist raus. Und jetzt fängt’s an."
Brenner lehnt im Türrahmen wie einer, der schon beim Zuschauen erschöpft wird. „Jetzt fängt gar nix an. Jetzt trink ma erst mal einen Kaffee."
„Kaffee macht die Fugen auch nicht neu", sagt Elisabeth.
Und da kommt schon die Schwester. Nicht richtig rein, eher so mit diesem Blick, der alles scannt wie ein Gutachter: Ecken, Silikon, Steckdosen, Fensterrahmen. Man merkt sofort: Das ist Familie. Familie erkennt Mängel nicht nur — sie pflegt sie emotional.
„Also", sagt die Schwester, „nach so vielen Jahren musst du jetzt ALLES sanieren."
Brenner hebt den Zeigefinger. „Muss man nicht."
Die Schwester schaut ihn an, als hätte er grad vorgeschlagen, man könnte auch einfach die Schwerkraft abschaffen. „Doch. Muss man."
Elisabeth seufzt. „Danke. Genau das wollte ich hören."
Sie setzen sich an den Küchentisch, der schon immer so wackelt, dass man automatisch ruhiger isst. Und dann beginnt diese Berat-Schlagung, wo alle „nur mal kurz" was sagen wollen und am Ende ist’s wie ein Gemeinderat ohne Protokoll.
„Küche: modern", sagt die Schwester. „Fronten glatt. Griffleisten. Induktion. Und bitte kein Beige mehr."
„Beige ist warm", sagt Brenner sofort.
„Beige ist resigniert", sagt die Schwester.
Elisabeth klappt den Zollstock auf, ohne zu wissen warum. Einfach so als Zeichen: Jetzt wird’s ernst. „Und wie viel Ärger ist das mit Handwerkern?"
Die Schwester lacht trocken. „Welchen Ärger meinst du? Den davor, den währenddessen oder den danach?"
Brenner nickt eifrig. „Eben. Lass alles wie es ist. In der Stadt wird doch alles modernisiert, pipifein gemacht, und dann gehst ins Kaufhaus und des is so steril, du meinst, du bist beim Arzt. Überall weiß. Überall glatt. Und am Ende hast a Wohnung, die schaut aus wie a Wartezimmer."
„Wartezimmer ist wenigstens sauber", sagt die Schwester.
In diesem Moment platzt Alex rein — mit diesem Enthusiasmus, mit dem andere Leute nur bei frisch geölten Fahrradketten reagieren.
„Ich hab IDEEN", sagt Alex und hält sein Handy hoch, als wäre es ein Notarztgerät. „In-Decken-Lautsprecher. Unsichtbar. Multiroom. Dann hier kleine Smart-Screens: Licht, Heizung, Szenen. Und Home Assistant! Dann kannst du beim Reinkommen sagen: ‚Guten Abend’ und alles ist perfekt."
Brenner schaut ihn an, als hätte Alex gerade vorgeschlagen, der Wohnung einen Charakterbogen zu geben.
„Du willst der Küche Gefühle beibringen", sagt Brenner.
„Nein", sagt Alex, „nur… Automatisierung."
Elisabeth reibt sich die Schläfen. „Ich will eigentlich nur, dass der Wasserhahn nicht tropft und die Schublade nicht schreit, wenn man sie aufmacht."
Alex tippt auf seinem Handy herum. „Dämpfungssystem. Soft-Close. Sensoren."
Die Schwester nickt begeistert. „Ja! Und im Bad: bodengleiche Dusche. Große Fliesen. Am besten fugenarm."
Brenner brummt: „Und dann rutscht jeder aus, weil’s ausschaut wie ein Eislaufplatz."
Elisabeth steht auf, geht zur Bad-Tür, macht sie auf — und schaut rein, als würde sie gleich ein Tier entdecken, das man lange nicht gefüttert hat. Das Bad war klein, aber es hatte diese Art, einem leise zuzuflüstern: „Ich war mal modern. 1998."
„Ich hab Angst", sagt Elisabeth.
„Siehst", sagt die Schwester. „Sanieren."
Brenner schiebt nach: „Oder einfach nicht hinschauen."
Alex hebt die Hand. „Oder Smart-Mirror. Der zeigt dir Wetter und Termine."
Brenner: „Oder du schaust raus. Da is auch Wetter."
Und dann — wie immer, wenn alle schon zu viel geredet haben und niemand mehr weiß, ob’s noch um Fliesen oder um Lebensentscheidungen geht — sagt Brenner plötzlich, ganz ruhig:
„Frag doch den Heinz."
Elisabeth dreht sich um. „Heinz?"
„Ja", sagt Brenner. „Der Heinz macht doch immer den großen Handwerker. Der kann alles. Der weiß auch, was man mit der Decke machen kann und mit der Küche und wie man das Bad gestaltet. Der redet doch ständig so, als hätt er den Beton erfunden."
Die Schwester schnaubt. „Heinz. Der hat bei mir letztes Jahr eine Lampe angebracht. Die hängt schief."
„Des war Absicht", sagt Brenner. „Design. Skandinavisch. Alles bissl schief, dafür ehrlich."
Alex grinst. „Heinz ist doch der mit ‚I mach des schnell’ und dann dauert’s drei Wochen, oder?"
„Genau", sagt Brenner. „Der. Aber der hat einen Vorteil: Der kommt nicht mit Katalogen. Der kommt mit Meinungen. Und Meinungen sind gratis."
Elisabeth schaut zwischen allen hin und her. Schwester: Sanieren! Alex: Smart-Home! Brenner: Lass’s! Und jetzt auch noch Heinz, der große Alles-Könner, der wahrscheinlich die Küche „auf jeden Fall retten" will und im nächsten Satz „aber neu wär halt neu" sagt.
„Gut", sagt Elisabeth schließlich. „Wir machen Folgendes: Ich ruf Heinz an. Aber nur zur Einschätzung."
Brenner nickt sofort. „Genau. Nur schauen. Nur reden. Nix machen."
Die Schwester verschränkt die Arme. „Einschätzung ist der erste Schritt in Richtung Baustelle."
Alex: „Wenn Heinz kommt, kann ich ihm gleich erklären, wo die Kabel für die Deckenlautsprecher laufen sollten."
Brenner: „Alex. Heinz glaubt, WLAN is a Marke für Dübel."
Und genau in dem Moment klingelt Elisabeth bei Heinz durch. Lautsprecher auf, weil wenn schon Chaos, dann bitte fair verteilt.
„Heinz", sagt Elisabeth, „du… könntest du mal schauen wegen der Wohnung? Küche, Bad, Decke…"
Am anderen Ende sofort: „Ja klar. Kein Problem. Das mach ma. Also… alles raus."
Elisabeth schaut Brenner an.
Brenner hebt beide Hände. „I hab nur g’sagt, frag ihn. I hab nix unterschrieben."
Heinz redet weiter, schon im Fluss: „Ich sag dir gleich: Wennst des gscheit machst, dann: Decke ab, Spots rein, Wände glatt, Küche neu, Bad komplett, und wenn ma schon dabei sind, kann ma den Boden auch gleich…"
Alex flüstert: „Spots! Ich hab’s gesagt!"
Die Schwester strahlt, als wäre Weihnachten und die Steuererklärung gleichzeitig erledigt.
Elisabeth schließt kurz die Augen. Man hört Heinz immer noch reden, wie eine Baustellenbeschreibung ohne Ende.
Dann sagt Elisabeth in den Hörer: „Heinz. Stopp. Wir fangen klein an. Du kommst. Du schaust. Du sagst, was wirklich nötig ist. Und dann entscheiden wir. Ohne… Komplettabriss."
Heinz: „Ja ja, passt. Ich bring auch gleich Werkzeug mit."
Elisabeth: „Nein. Du bringst nur dich mit."
Brenner nickt zufrieden, als hätte er gerade erfolgreich eine Naturkatastrophe um einen halben Tag verschoben.
„Siehst", sagt Brenner leise, als Elisabeth auflegt. „So macht ma des. Erst red’n, dann verzweifeln."
Alex scrollt schon wieder. „Ich mach dir inzwischen ein Moodboard: Modern, aber nicht Arztpraxis. Warm. Und mit…"
Brenner: „…mit weniger Geräten, die reden."
Elisabeth schaut noch einmal in die Küche, dann ins Bad, dann zu den beiden. Und plötzlich muss sie lachen, so ein kurzes, echtes Lachen, weil’s eigentlich absurd ist: Da steht eine Wohnung, die einfach nur eine Wohnung sein will — und drum herum stehen Menschen, die aus jeder Fliese eine Weltanschauung machen.
„Okay", sagt sie. „Heinz kommt. Und bis dahin: keiner reißt irgendwas raus."
Brenner: „Sehr gut."
Alex: „Nur theoretisch planen?"
Die Schwester: „Nur schon mal Angebote einholen?"
Elisabeth: „Alle. Raus aus meiner Küche. Sonst sanier ich euch."
Und Brenner, der selten gewinnt, aber heute wenigstens kurz, sagt beim Rausgehen: „Des wär dann aber auch modern. Steril. Wie beim Arzt."
