Der Advent war im Haus der Elisabeth ja jedes Jahr dasselbe. Und das ist nicht negativ gemeint. Im Gegenteil. Es gibt ja Dinge im Leben, die müssen immer gleich sein. Vier Kerzen. Ein Kranz. Irgendwo Plätzchen, die zu früh gegessen werden. Und Menschen, die sich jedes Jahr aufs Neue vornehmen, heuer wird’s besinnlicher.

Wird es natürlich nie.

Die Elisabeth hatte schon seit Tagen von der Lichterkette gesprochen. Nicht ständig. Aber oft genug, dass jeder im Haus wusste: Die Lichterkette ist nicht nur eine Lichterkette. Sie ist ein Projekt.

Draußen im Garten stand nämlich dieser Baum. Kein richtiger Weihnachtsbaum. Mehr so ein Tannen-Irgendwas. Einer von diesen Bäumen, die irgendwann einmal klein waren und dann beschlossen haben, jetzt bleiben sie einfach für immer.

Seit Jahren bekam er im Advent eine Lichterkette.

Und seit Jahren war irgendetwas damit.

„Brenner", sagte die Elisabeth an diesem Samstagmorgen beim Kaffee, „magst du bitte die Lichterkette am Baum draußen anbringen? Weil der Advent kommt, und es soll ein bissl nach Freude ausschauen."

Der Brenner hob den Blick von seiner Tasse.

„Na ja", sagte er. „Freude is relativ."

„Brenner."

„Aber wenn du meinst."

Es war eines der seltenen Ereignisse im Haus, bei denen der Brenner zustimmte, bevor er widersprechen konnte.

Der Alex blickte kurz von seinem Laptop auf.

„Soll ich helfen?"

Der Brenner winkte ab.

„Na. Eine Lichterkette wird ja wohl noch ohne Informatik funktionieren."

Es sollte ein Satz sein, der später nicht gut altern würde.

Draußen stand der Brenner also vor dem Baum. In der Hand eine Lichterkette, die schon im Karton beleidigt ausgesehen hatte. Er zog sie auseinander. Sie verknotete sich. Er zog stärker. Sie verknotete sich kunstvoller.

Es gibt ja Gegenstände, die hassen Menschen. Und Lichterketten gehören eindeutig dazu.

Die Elisabeth stand am Fenster und beobachtete das Ganze mit jener Mischung aus Hoffnung und Sorge, die Menschen entwickeln, wenn sie andere Menschen bei Dingen beobachten, die schiefgehen könnten.

„Brenner!", rief sie. „Von oben nach unten! Nicht andersrum!"

Der Brenner sah hinauf.

Dann auf die Leiter.

Dann wieder hinauf.

„Na ja", murmelte er. „Der Baum wird ja nicht weglaufen."

In genau diesem Moment bog der Heinz in die Einfahrt ein. Einfach so. Wie immer. Der Heinz kam nie wirklich an. Er war irgendwann einfach da.

Er blieb stehen und betrachtete den Baum.

Dann den Brenner.

Dann die Lichterkette.

Und schließlich sagte er nur:

„Joo."

Mehr nicht.

Aber beim Heinz konnte ein einziges „Joo" ungefähr alles bedeuten zwischen „passt" und „des wird teuer".

„Heinz", sagte die Elisabeth erleichtert, „schau mal. Der Brenner macht die Beleuchtung."

Der Heinz legte den Kopf leicht schief.

„Macht er’s?"

Der Brenner tat so, als hätte er das nicht gehört.

Der Heinz trat näher.

„Die muss von oben gewickelt werden."

„Na ja", sagte der Brenner, „das hat die Elisabeth auch schon gesagt."

„Dann hat se recht."

Das war selten. Und vermutlich der Grund, warum die Elisabeth den Heinz so gern hatte.

Der Alex war inzwischen ebenfalls nach draußen gekommen. Natürlich mit Laptop. Der Alex hatte die bemerkenswerte Eigenschaft, sogar im Garten so auszusehen, als wäre er nur kurz aus einer Serverwartung gefallen.

Er betrachtete die Lichterkette.

„Interessant", sagte er. „Das sind noch die alten Birnchen."

Der Brenner nickte zufrieden.

„Na eh. Keine LED."

„LED wären sparsamer", sagte der Alex.

Da drehte sich der Brenner um.

„Nein."

„Aber—"

„Nein."

„Man könnte sogar eine Funksteckdose—"

„Nein."

Jetzt drehte sich auch die Elisabeth um.

„Keine Funksteckdose!"

Der Alex blinzelte.

„Aber man könnte Zeitpläne definieren und—"

„Alex", sagte die Elisabeth ruhig, aber mit jener Stimme, die in Wirklichkeit nicht ruhig ist, „ich möchte eine Lichterkette. Ohne App. Ohne WLAN. Ohne Update. Ich möchte, dass sie leuchtet und sonst nichts."

Der Brenner nickte zufrieden.

„Na ja", sagte er. „Endlich redet einmal wer vernünftig über Technik."

Der Alex seufzte. Er war in diesem Haus manchmal wie ein Missionar in einem Dorf, das freiwillig auf Strom verzichten würde.

Dann kam der entscheidende Moment.

Der Brenner steckte die Lichterkette ein.

Nichts.

Er zog den Stecker heraus.

Steckte ihn wieder ein.

Immer noch nichts.

Die Elisabeth schloss kurz die Augen.

Der Heinz betrachtete das Schauspiel mit der Ruhe eines Mannes, der schon wusste, wie die Geschichte ausgeht.

Dann beugte er sich hinunter, nahm eine der kleinen Birnen zwischen zwei Finger und sagte:

„Joo."

Der Brenner wurde vorsichtig.

„Was heißt jetzt das Joo?"

Der Heinz zog die Birne heraus.

„Kaputt."

Der Alex lächelte.

„Die alten Ketten sind in Reihe geschaltet. Fällt eine aus, geht—"

„Joo", sagte der Heinz.

Und tatsächlich. Eine neue Birne hinein. Stecker rein.

Plötzlich leuchtete der Baum.

Nicht perfekt.

Ein paar Lämpchen flackerten leicht.

Die Kette hing ein bisschen schief.

Aber sie leuchtete.

Die Elisabeth lächelte.

Der Alex nickte anerkennend.

Der Heinz packte seine Werkzeuge zusammen.

Und der Brenner betrachtete den Baum im langsam dunkler werdenden Garten.

„Na ja", sagte er schließlich. „Schön ist es schon."

Die Elisabeth sah ihn überrascht an.

„Der Advent?"

Der Brenner schüttelte den Kopf.

„Nein. Dass Sachen manchmal noch funktionieren, obwohl sie alt sind."

Da sagte niemand mehr etwas.

Weil jeder im Garten kurz dachte, dass der Brenner vielleicht gar nicht von der Lichterkette gesprochen hatte.