„Das heißt, du verlangst Geld fürs Nichtstun?"
Na ja, also der Satz ist gefallen an einem Dienstag. Und Dienstage sind ja gefährlich. Weil montags ist man noch zu müde für Grundsatzdiskussionen, und mittwochs hat man sich schon damit abgefunden, dass die Woche länger dauert als geplant. Aber dienstags, da glauben die Leute noch, sie könnten irgendwas klären.
Die Elisabeth stand in der Küche und sortierte Rechnungen. Das macht sie gern. Nicht weil’s Spaß macht. Sondern weil Rechnungen ja nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert. Das ist überhaupt etwas, was der Brenner nie verstanden hat. Der Brenner glaubt nämlich bis heute, dass manche Probleme beleidigt aufgeben, wenn man sich nur lang genug nicht mit ihnen beschäftigt.
Tun sie natürlich nicht.
Der Alex saß am Tisch mit seinem Laptop. Nicht arbeitend. Also zumindest nicht sichtbar. Beim Alex weiß man das nie so genau. Der kann auf einen Bildschirm schauen und dabei entweder hochkomplexe IT-Infrastrukturen betreiben oder Katzenvideos anschauen. Von außen sieht das identisch aus.
Und der Brenner stand am Fenster mit Kaffee.
Wo sonst.
„Der Heinz war heut da", sagte die Elisabeth und legte eine Rechnung zur Seite.
„Na ja", sagte der Brenner, „wenn der Heinz kommt, is meistens vorher oder nachher was kaputt."
„Der hat die Dachrinne gemacht."
„Siehst."
„Und die Rechnung dagelassen."
Jetzt wurde der Brenner aufmerksam. Rechnungen waren für ihn wie Wetterwarnungen. Man kann sie ignorieren, aber gut wird’s selten.
Die Elisabeth schob ihm das Blatt hin.
Der Brenner setzte die Brille auf. Also nicht seine eigene. Er hatte nämlich die bemerkenswerte Eigenschaft, ständig irgendeine Brille zu verwenden, nur nie die richtige.
Er las.
Und las noch einmal.
Dann schaute er auf.
„Drei Stunden?"
„Ja", sagte die Elisabeth.
„Für die Dachrinne?"
„Ja."
Der Brenner schüttelte langsam den Kopf.
„Na ja. Früher hat man sowas an einem Nachmittag gemacht."
Der Alex blickte kurz vom Bildschirm auf.
„Früher ist man auch mit der Karte nach Italien gefahren."
„Und angekommen", sagte der Brenner.
Das war einer dieser Momente, in denen der Alex beschloss, die Diskussion nicht zu gewinnen.
Die Elisabeth nahm die Rechnung zurück.
„Der Heinz hat die Leiter aufgebaut, die Dachrinne gereinigt und die Halterung befestigt."
Der Brenner nickte langsam.
Dann rechnete er im Kopf.
Oder das, was beim Brenner als Rechnen durchgeht.
„Moment mal", sagte er schließlich. „Wenn ich das umrechne …"
Und das ist immer gefährlich. Weil wenn der Brenner umrechnet, wird meistens die Gesellschaft neu bewertet.
„… dann verdient der Heinz ja mehr als ein Bürgermeister."
Die Elisabeth seufzte.
„Brenner."
Aber der Brenner war jetzt in Fahrt.
„Das heißt", sagte er und hob den Finger, als hätte er gerade die Steuerreform verstanden, „der verlangt Geld fürs Nichtstun?"
In der Küche wurde es still.
Sogar der Alex sah jetzt auf.
„Wie kommst du auf Nichtstun?", fragte die Elisabeth.
„Na ja", sagte der Brenner. „Drei Stunden. Eine Stunde arbeiten. Zwei Stunden nachdenken. Das is ja fast Beratung."
Die Elisabeth legte die Stirn in Falten.
„Der Heinz hat Erfahrung."
„Na eh", sagte der Brenner. „Aber Erfahrung ist ja auch nur Zeit, die man schon hinter sich hat."
Jetzt klappte der Alex langsam den Laptop zu.
Nicht weil er musste.
Sondern weil er wusste: Das wird interessant.
„Brenner", sagte er ruhig, „du zahlst nicht für die Arbeit. Du zahlst dafür, dass jemand weiß, wie die Arbeit geht."
Der Brenner schaute ihn an.
So wie Leute schauen, die hören, dass Wasser nass ist, aber noch nicht überzeugt sind.
„Aha."
„Wenn du die Dachrinne selber machst", sagte der Alex, „brauchst du vielleicht zwei Tage."
„Na ja."
„Und am Ende tropft’s immer noch."
„Möglich."
„Der Heinz macht’s in drei Stunden. Und richtig."
Der Brenner nahm einen Schluck Kaffee.
Lange.
Sehr lange.
So lange, dass die Elisabeth schon glaubte, er hätte aufgegeben.
Dann nickte er.
„Na ja."
Und jeder im Haus wusste: Jetzt kommt noch was.
„Dann verdienst du ja in der IT noch mehr fürs Nichtstun."
Der Alex blinzelte.
Die Elisabeth schloss kurz die Augen.
Weil sie wusste: Das wird jetzt dauern.
„Ich sitz den ganzen Tag am Computer", sagte der Alex.
„Eben", sagte der Brenner zufrieden. „Und wenn nix kaputtgeht, war’s gute Arbeit. Das heißt, du kriegst Geld dafür, dass nix passiert."
Der Alex überlegte.
Und zu seiner eigenen Überraschung musste er lachen.
„Eigentlich schon."
Der Brenner stellte die Tasse ab.
„Na siehst."
Er wirkte für einen kurzen Moment zufrieden mit der Welt.
Nicht glücklich.
Das wäre übertrieben.
Aber zufrieden.
Und die Elisabeth schaute die beiden Männer an und dachte sich zum hundertsten Mal, dass es in diesem Haus Menschen gab, die alles reparieren konnten, Menschen, die alles digitalisieren wollten, und Menschen, die aus jeder Rechnung eine philosophische Frage machten.
Und irgendwie funktionierte es trotzdem.
Auch wenn keiner so recht erklären konnte, warum.
