Also die Elisabeth, die hat’s ja wieder gut gemeint.

Und das ist ja oft der Anfang von allem.

Nicht nur vom Guten.

Es war ein Sonntagvormittag im Frühsommer. Einer von diesen Vormittagen, an denen die Luft schon nach Urlaub riecht, obwohl man noch gar nicht weg ist. Auf der Terrasse hinter dem Haus stand der große Holztisch. Der, an dem im Sommer gefrühstückt wurde und im Winter Blumenkübel überwinterten.

Die Elisabeth hatte Kaffee gekocht. Der Brenner behauptete zwar seit Jahren, seiner sei besser, aber trinken tat er meistens ihren.

Der Alex saß schon da. Natürlich mit Laptop. Der Alex ohne Laptop ist ungefähr so selten wie ein leerer Parkplatz vorm Baumarkt an einem Samstag.

Der Brenner lehnte im Stuhl, die Tasse in der Hand, und schaute in den Garten. Also nicht wirklich. Beim Brenner weiß man nie, ob er nachdenkt oder nur so ausschaut.

Die Sonne fiel durch die alten Apfelbäume. Irgendwo summte eine Biene. Und es war so friedlich, dass der Brenner sofort misstrauisch wurde.

Dann setzte sich die Elisabeth.

Und sie hatte diesen Blick.

Diesen Blick, den Menschen haben, wenn sie etwas geplant haben und hoffen, dass die anderen freiwillig zustimmen.

Der Brenner seufzte innerlich.

Jetzt kommt was, dachte er.

Und wie meistens hatte er recht.

„Also", sagte die Elisabeth und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. „Ich hab mir gedacht, wir fahren heuer gemeinsam auf Urlaub."

Der Alex hob den Kopf.

„Urlaub? Also mit WLAN oder ohne?"

Der Brenner stellte die Tasse ab.

Ganz langsam.

„Was heißt wir?"

„Na wir", sagte die Elisabeth. „Du, ich und der Alex."

Der Brenner nickte.

„Aha."

Mehr sagte er nicht.

Aber beim Brenner ist ein „Aha" ungefähr so beruhigend wie dunkle Wolken über dem Grill.

Nach einer Weile nahm er die Tasse wieder in die Hand.

„Dann kann ich ja gleich daheimbleiben. Dann ist wenigstens einer von uns erholt."

Die Elisabeth ignorierte das. Das hatte sie über die Jahre gelernt.

„Ich hab an Italien gedacht. Oder Griechenland. Meer, Sonne, ein bisschen rauskommen."

Der Brenner sah über den Gartenzaun.

„Ja super", sagte er. „Ein Flughafen voller Leute, die glauben, sie fliegen in die Freiheit. Und landen dann in der Hitze."

„Du steigst ja sowieso in kein Flugzeug", sagte die Elisabeth.

„Na klar nicht", sagte der Brenner. „Ich bin ja kein Vogel."

Kurze Pause.

„Außerdem vertraue ich Maschinen grundsätzlich weniger, je weiter sie vom Boden weg sind."

Der Alex grinste.

„Wir könnten mit dem Zug fahren."

Der Brenner dachte nach.

Nicht lange.

„Zug", sagte er schließlich. „Das ist ein Flugzeug auf Schienen. Zu teuer, zu spät und mit Klimaanlagen, die entweder streiken oder einen umbringen."

Der Alex wollte etwas erwidern, entschied sich dann aber dagegen. Der Alex wusste inzwischen, dass man Diskussionen mit dem Brenner nicht gewinnt. Man überlebt sie.

„Na gut", sagte die Elisabeth. „Dann halt mit dem Auto. Kärnten vielleicht. Oder das Salzkammergut."

Der Brenner nahm einen Schluck Kaffee.

„Oder Balkonien."

Die Elisabeth schloss kurz die Augen.

Nicht aus Ärger.

Eher aus Erfahrung.

„Brenner", sagte sie ruhig, „du brauchst einfach einmal einen Tapetenwechsel."

Da sah der Brenner tatsächlich überrascht aus.

„Ich hab seit zwanzig Jahren dieselbe Tapete", sagte er. „Und die war immer ehrlich zu mir."

Der Alex musste lachen.

„Ich wär ja tatsächlich für irgendwo ohne Empfang", sagte er. „Kein Internet. Keine Server. Keine Updates."

Jetzt hob der Brenner die Augenbraue.

„Das sagst du jetzt. Nach zwei Tagen redest du mit Steckdosen, weil dir die Router fehlen."

„Eben drum", sagte die Elisabeth. „Ihr zwei braucht einmal Entzug."

Dann wurde sie kurz still.

„Und keine Sorge", sagte sie. „Meine Schwester kommt diesmal nicht mit."

Der Brenner legte die Tasse sofort ab.

„Na Gott sei Dank."

So schnell hatte er sich an diesem Tag noch nicht bewegt.

„Brenner!", sagte die Elisabeth.

„Elisabeth", sagte er ernst. „Ich fahr lieber mit einem Tanklaster über den Brennerpass, als noch einmal mit deiner Schwester nach Südtirol."

„So schlimm war das doch nicht."

Da schaute der Brenner sie an, als hätte sie gerade behauptet, Regen sei trocken.

„Die Frau", sagte er ruhig, „hat sieben Stunden lang ‚Atemlos durch die Nacht’ mitgesungen."

Kurze Pause.

„Ab der dritten Stunde entwickelt man Verständnis für Stille als Kulturgut."

Der Alex lachte so plötzlich, dass er beinahe den Kaffee verschüttete.

Die Elisabeth seufzte.

Aber sie lächelte dabei.

Weil sie die Antwort eigentlich schon kannte.

„Also gut", sagte sie. „Kein Flugzeug. Keine Schwester. Kein WLAN. Vielleicht einfach ein See. Ruhig. Ohne Empfang."

Der Brenner lehnte sich zurück.

Dachte nach.

Oder tat zumindest so.

Dann nickte er.

„Na also."

„Was?", fragte die Elisabeth vorsichtig.

„Endlich ein vernünftiger Plan."

„Welcher denn?"

Der Brenner sah zur Balkontür hinaus.

„Wir bleiben daheim."

Der Alex grinste schon.

Die Elisabeth nicht.

Noch nicht.

„Ich sitz auf dem Balkon", sagte der Brenner. „Der Alex sucht verzweifelt nach Empfang. Und du erzählst uns, wie schön das Wasser wäre."

Jetzt musste sogar die Elisabeth lachen.

Und sie wusste in diesem Moment schon, wie es ausgehen würde.

Sie würden irgendwohin fahren.

Aber nicht dorthin, wo sie ursprünglich wollte.

Und nicht so, wie der Brenner es befürchtete.

Und der Alex würde unterwegs mindestens einmal sagen, dass es hier kein vernünftiges Internet gibt.

So ist das nämlich mit Urlauben.

Man fährt weg, damit alles anders wird.

Und stellt fest, dass die Menschen dieselben bleiben.

Was vielleicht gar nicht das Schlechteste ist.